Versorgung regionalisieren

3 Externe Abhängigkeiten verringern – Versorgung stärker regionalisieren und resilient gestalten

Die Metropolregion Bremen-Oldenburg ist in vielen Sektoren in der Versorgung von Importen oder externer Nachfrage abhängig. Grundsätzlich ist dies unvermeidbar, birgt aber auch gewisse Risiken. So ist die Verflechtung der Region mit der übrigen Welt über den Güteraustausch (z.B. Export, Import, Dienstleistungshandel) ein indirekter wichtiger internationaler Haupteinflusskanal des Klimawandels. Wenn der Klimawandel in anderen Weltregionen durch Dürre- und Flutereignisse zu wirtschaftlichen Einbussen führt, kann davon ausgegangen werden, dass sich dies auch auf Sektoren innerhalb der Metropolregion auswirkt und damit die Störanfälligkeit der weltweiten Wertschöpfungs- und Logistikketten aufzeigen. Die Regionalisierung von Wirtschaftskreisläufen und Versorgungsstrukturen innerhalb der Sektoren Energieversorgung, Land- und Ernährungswirtschaft und Gesundheitsversorgung bieten Chancen auf die Widerstandsfähigkeit gegenüber derartigen globalen Auswirkungen und zudem Potenziale in Bezug auf eine nachhaltige regionale Entwicklung.

3.1 Regionalisierung der Energieversorgung

Zur Umsetzung des Ziels einer weitgehend regionalen Eigenversorgung mit Erneuerbaren Energien (EE) in der Metropolregion bedarf es eines beschleunigten regionalen und dezentralen EE-Ausbaus und einer Finanzierung der dafür nötigen Infrastrukturen. Hierzu zählt insbesondere der Ausbau von Wind- und Solarparks, Dach-Photovoltaikanlagen, Bioenergieanlagen zur Energieerzeugung sowie Mikro-Blockheizkraftwerke und Brennstoffzellen zur Lastglättung und Erzeugung von Wärme. Eine Anbindung an bestehende Großinfrastrukturen wie Offshore-Windparks zur Wahrung der regionalen Versorgungssicherheit wird weiterhin nötig sein, da eine alleinige Abhängigkeit der regionalen Energieversorgung von EE die Verwundbarkeit eher erhöht und die Anpassungsfähigkeit herabsetzt.
Kurzfristige Maßnahmen lassen sich folgenden Aktionsfeldern zuordnen

  • Kompromissfindung zum Verhältnis von Dezentralität und Zentralität der Energieversorgung
  • Etablierung eines Länderübergreifenden Projektmanagements
  • Berücksichtigung der regionalen Bedürfnisse im nationalen Gesetzesrahmen

3.1.1 Kompromiss zum Verhältnis von Dezentralität und Zentralität der Energieversorgung herstellen
Eine zu großer Regionalisierung der Energieversorgung kann zu Ineffizienzen und damit zur Verringerung der Versorgungssicherheit führen. Dezentralität bei gleichzeitiger Anbindung an zentrale Energieversorgungsstrukturen und Etablierung von Energiespeichern erhöht hingegen die Ausfallsicherheit. Es gilt eine Balance und einen Kompromiss zwischen dezentraler und zentraler Energieversorgung und einer gerechten Verteilung der Kosten im Rahmen eines von allen relevanten Anspruchsgruppen getragenen Demokratie-Labors herzustellen. Die zur Umsetzung eines Demokratie-Labors notwendigen Maßnahmen umfassen:

  • die Koordination durch die Metropolregion Bremen Oldenburg im Nordwesten e.V. mit Unterstützung der Länder Niedersachsen und Bremen,
  • die frühzeitige Einbindung aller interessierten Anspruchsgruppen,
  • eine klare Definition der Aufgabenstellung,
  • die Bereitstellung finanzieller Mittel und
  • die Durchführung einer Fallstudie zur Umsetzung der Arbeit des Demokratie- Labors am Beispiel des Netzausbau als zentrales Konfliktfeld.

3.1.2 Länderübergreifendes Projektmanagement etablieren
Für die Umsetzung einer langfristigen Entwicklungsstrategie für das regionale Energiesystem bedarf es der Etablierung eines länderübergreifenden Projektmanagements. Hierfür notwendige Schritte sind:

  • die Festlegung der Aufgabenbereiche, die Weitergabe von Planungskompetenzen und das Einsetzen gemeinsamer Arbeits- und Planungsgruppen durch die beteiligten Bundesländer,
  • die Schaffung einer gemeinsamen Datengrundlage für die Metropolregion und
  • die Erstellung eines informellen länderübergreifenden Energiekonzepts.

3.1.3 Regionale Bedürfnisse im nationalen Gesetzesrahmen berücksichtigen
Für einen schnellen, kosteneffizienten und bedarfsangepassten Ausbau Erneuerbarer Energien und die Schaffung erheblicher Stromspeicherkapazitäten (z.B. Salzkavernen) bedarf es einer verbesserten Anreizregulierung. Da gesetzliche Förderungen und das Marktdesign für viele Formen Stromspeicherung national festgelegt werden, ist kurzfristig die Berücksichtigung der regionalen Bedürfnisse im nationalen Gesetzesrahmen von Bedeutung. Notwendige Schritte und Maßnahmen wären:

  • die Durchführung eines Diskurses zur Formulierung regionaler Anforderungen (z.B. über Anforderungen an das Marktdesign, nationale Umlage der Verteilnetzentgelte, Netzregulation),
  • die Verstärkung des Lobbying auf Bundes- und EU-Ebene durch die regionalen Akteure und Interessensverbände und
  • die Vertretung der regionalen Interessen durch Länderinitiativen im Bundesrat und bei Konsultationen im Rahmen des nationalen Energiewendeprozesses.

Mittel- bis langfristige Maßnahmen lassen sich folgenden Aktionsfeldern zuordnen:

  • Entwicklung länderübergreifender Flächennutzungspläne und
  • Aufbringen des Kapitals für den nötigen EE-Ausbau und Infrastrukturumbau.
  • Kompetenzen zwischen EVU, Kommunen und Bürgerinnen und Bürger neu verteilen (bis 2030)

3.1.4 Länderübergreifende Flächennutzungspläne erstellen
siehe hierzu 2 Konflikte bei Flächennutzung und Regionalentwicklung lösen und Synergien nutzen

3.1.5 Kapital für den EE-Ausbau und Infrastrukturumbau aufbringen
Der zukünftige EE-Ausbau und Umbau der Energieinfrastrukturen ist mit erheblichen Investitionen verbunden. Es sind Bedingungen zu schaffen, die das Aufbringen des Kapitals für die Energiewende ermöglichen. Mittel- bis langfristige Schritte und Maßnahmen wären:

  • die Gewinnung von privatwirtschaftlichen Investoren,
  • die Beteiligung von Bürgern an den ökonomischen Vorteilen des zukünftigen regionalen Energiesystem (z.B. bei Windparks, Netzausbau) und
  • die Einrichtung eines regionalen Energie- und Klimaschutzfonds, der verschiedene Finanzierungsquellen und regionalen Infrastrukturprojekte bündelt.

3.1.6 Kompetenzen zwischen EVU, Kommunen und Bürgerinnen und Bürger neu verteilen (bis 2030)
Für eine stärkere Regionalisierung der Energieversorgung ist es notwendig, die derzeitige Eigentumsstruktur und Rollenverteilung im bestehenden Energiesystem zwischen Energieversorgungsunternehmen, Kommunen und Nutzern neu zu gestalten, da eine eher zentralisierte Ausrichtung der großen Energieversorgungsunternehmen (EVU) teilweise nicht mit den dezentralen Anforderungen des EE-Ausbaus und Infrastrukturumbaus kompatibel ist. Dabei gewinnt die Rolle der Kommunen als Bindeglied zwischen Nutzenden und EVU an Bedeutung. Notwendige Schritte und Maßnahmen wären:

  • die Festlegung der Aufgaben durch die Kommunen für die sie eigene Kompetenzen aufbauen und welche sie per Konzession an die EVU’s vergeben wollen,
  • die Prüfung ob die bisherige Strukturierung der regionalen EVU ausreichende Optionen zur Einflussnahme auf die regionale Entwicklung des Energiesystems ermöglicht,
  • der Ausbau von EE Kooperationen mit Bürgern,
  • die Stärkung von Strukturen zur Eigenerzeugung durch Nutzende („Prosumenten“) und deren Eigenvorsorge (z.B. Förderung dezentraler Speicher) durch die Energiewirtschaft sowie
  • die Etablierung der Energiewirtschaft als Dienstleister für die „Prosumenten“.

3.2 Regionalisierung der Land- und Ernährungswirtschaft

Aufgrund der Heterogenität der sozioökonomischen Strukturen der Land- und Ernährungswirtschaft in der Metropolregion sind zukünftig zwei grundsätzliche aber unterschiedliche Strategieoptionen denkbar: die Strategie „ökologisch-regional“, die sich stark an einer regionalen Wertschöpfung und ökologischen Standards orientiert und die Strategie „nachhaltig-intensiv“, die sich eher am Volumenmarkt und Export orientiert. Trotz der Unterschiedlichkeiten ergeben sich regionale Synergien, die sich für ein gemeinsames Handeln nutzen lassen.
Maßnahmen lassen sich folgenden Aktionsfeldern zuordnen:

3.3 Regionale Gesundheitsversorgung und -wirtschaft

Der regionale Klimawandel und der demografische Wandel stellt Gesundheitsversorgung, Gesundheitsschutz, Prävention und Risikokommunikation zukünftig vor große Herausforderungen. Notwendige Maßnahmen zur Reduzierung der Vulnerabilität und Steigerung der Resilienz der regionalen Gesundheits- und Pflegeversorgung lassen sich den folgenden Aktionsfeldern zuordnen:

  • Stärkung des öffentliches Gesundheitswesens und der privaten Gesundheitswirtschaft
  • Weiterentwicklung regionaler und kommunaler Monitoring- und Frühwarnsysteme
  • Sensibilisierung regionaler klimawandelbezogener Gesundheitsrisiken
  • Ausbau der regionalen, kommunalen und quartierbezogenen Gesundheitsversorgung

3.3.1 Öffentliches Gesundheitswesen und private Gesundheitswirtschaft in der Region stärken
Eine starkes öffentliches Gesundheitswesen sowie eine gut aufgestellte Gesundheitswirtschaft in der Metropolregion tragen dazu bei, die Anpassungskapazität gegenüber dem Klimawandel in der Region zu steigern. Ausgestattet mit entsprechenden Fähigkeiten, Ressourcen und institutionellen Kapazitäten sind sie in der Lage sich an künftig verändernde Klimabedingungen und deren mögliche Folgen anzupassen und damit die Vulnerabilität, insbesondere auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, zu reduzieren.

Kurzfristige Maßnahmen umfassen:

  • eine Fortsetzung der politischen Unterstützung in Handlungsplänen zur Gesundheitswirtschaft der beteiligen Bundesländer und der Metropolregion Bremen-Oldenburg,
  • die Sicherung von Fachkräften im Gesundheits- und Pflegebereich, z.B. durch die Aufwertung von Gesundheits- und Pflegeberufen, der Entwicklung einer Strategie der regionalen und überregionalen Anwerbung von Fachkräften sowie der Durchführung von Imagekampagnen und Infotagen für Gesundheitsberufe,
  • die Organisation eines Wissens- und Erfahrungsaustausch zwischen Politik, Verwaltung, Wissenschaft und betroffenen Akteuren zu klimawandelbedingten Gesundheitsrisiken über Gesundheitsnetzwerke und regionale und kommunale Gesundheitskonferenzen,

Mittel- bis langfristige Maßnahmen umfassen:

  • den Aufbau und Intensivierung der klimawandelbezogenen Gesundheitsforschung (z.B. Monitoring, Epidemiologie, Behandlung).
  • die Nutzung von Wertschöpfungspotenzialen im Bereich Klimaanpassung über die Anwendung neuer Medien (z.B. Telemedizin, spezifische Frühwarn- und Interventionssysteme) oder bautechnologischer Entwicklungen (z.B. Kühlungstechnik, klimaangepasste Architektur und Bauweisen).
  • die Profilbildung und Vermarktung als Modellregion im Klimawandel mit vorbildlichen Angeboten zum Gesundheits-, Pflege- und Gesundheitstourismusbereich unter Nutzung der naturräumlichen Potenziale.

3.3.2 Regionale und kommunale Monitoring- und Frühwarnsysteme weiterentwickeln
Zur Bewertung klimawandelbedingter Gesundheitsrisiken und der Ableitung notwendiger Anpassungsstrategien und -maßnahmen ist eine kontinuierliche Erhebung (Monitoring) von regionalen Temperaturdaten, Pflanzen- und Tierarten mit Allergiepotenzial und Vektoren als Überträger von Infektionskrankheiten notwendig. Zukünftig muss die von derartigen Umweltfaktoren ausgelöste gesundheitliche Wirkungen erkannt, erfasst und beobachtet werden (Effekt-Monitoring), um bei einer Häufung der Symptomatik rechtzeitig reagieren zu können.

Kurzfristige Maßnahmen umfassen:

  • den Aufbau bzw. die Optimierung bestehender Ansätze zum Monitoring,
  • klimawandelbezogenen Gesundheitsrisiken (Hitze-, Pollen- und Vektoren-Monitoring),
  • die Überprüfung und Weiterentwicklung derzeit praktizierter regionaler und kommunaler Hitzewarnsysteme mit dem Fokus auf besonders betroffene Bevölkerungsgruppen,
  • die Weiterentwicklung der bestehenden Hitze- und Pollenfrühwarnsystemen des DWD zu integrierten Systemen der Gesundheits- und Umweltbeobachtung und Frühwarnung, die Gesundheits- und Umweltinformationen miteinander verknüpfen und
  • die Erstellung von Klimafunktionskarten zur Darstellung lokalklimatischer Gegebenheiten.

Mittel- bis langfristige Maßnahmen umfassen:

  • die Darstellung und Charakterisierung von Risikoregionen und -gebieten („Hotspots“) mit erhöhter „Anfälligkeit“ (Sensitivity) gegenüber Hitze, Pollenbelastung und vektorbasierten Infektionskrankheiten sowie die Darstellung von Risikogruppen in den Risikogebieten,
  • die Erstellung bzw. Überprüfung von Aktions- und Notfallplänen für besonders betroffene Einrichtungen wie Behinderten-, Alten- und Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser,
  • die Umsetzung eines integrierten Systems der Gesundheits- und Umweltbeobachtung und Frühwarnung zu klimawandelbedingten Gesundheitsrisiken,
  • die langfristige Umsetzung eines regionalen Meldesystems für allergene Pflanzen und Tiere unter besonderer Berücksichtigung eingewanderter Arten mit einem hohen Allergiepotenzial (z.B. Ambrosia, Eichenprozessionsspinners) mit entsprechenden Dokumentationspflichten,
  • der Aufbau eines regionalen Netzwerks von "Ambrosiakennern" unter Einbindung regionaler Pflanzenschutzdienste, Naturschutzbehörden und des DWD,
  • der Aufbau eines regionalen Monitoring- und Meldesystems zur klimawandelbedingten Verbreitung von Vektoren (z.B. Zecken-, Mücken-und Nagetier-Monitoring) und der infektionsepidemiologischen Entwicklung der Bevölkerung im Rahmen und jenseits des Infektionsschutzgesetz (IfSG).

3.3.3 Sensibilisierung zu klimawandelbedingten Gesundheitsrisiken intensivieren
In Zukunft ist eine zielorientierte Aufklärung und Sensibilisierung der Bevölkerung und des Personals des Gesundheits- und Pflegebereichs über klimawandelbedingte Gesundheitsrisiken zu intensivieren, insbesondere auch zu Risiken, die derzeit noch nicht unmittelbar mit Klimaveränderungen in Verbindung gebracht werden. Hierfür müssen im Bereich Bildung und Kommunikation kurzfristig Maßnahmen umgesetzt werden. Siehe hierzu 6 Kommunikation und Lernfähigkeit

3.3.4 Wohnungsnahe Gesundheitsversorgung ausbauen
Für die Risikogruppe älterer Menschen ist die Anpassung an lang anhaltende Hitzeperioden eine gesundheitliche Herausforderung. Auf der anderen Seite wünscht sich eine wachsende Anzahl gerade dieser Risikogruppe ein möglichst langes Leben in weitgehender Selbstständigkeit. Einerfolgversprechender Ansatz für diese vom Klimawandel besonders betroffenen Menschen stellt eine wohnungsnahe Gesundheitsversorgung dar. Kurzfristige Maßnahmen umfassen:

  • die Nutzung von bestehende Netzwerkstrukturen (z.B. Quartiersmanagement, Gesundheitsläden und -treffs, Landvolk) zur Information älterer, kranker und allein stehender Menschen in Stadtquartieren und ländlichen Regionen,
  • die Entwicklung eines aufsuchenden Beratungsangebots (präventive Hausbesuche), das gezielt gefährdete Personen im Fall einer drohenden Hitzewelle anspricht,
  • die Einbindung von Pflegediensten in derartige Beratungsangebote und
  • die Einführung eines Hitzetelefons zur individuellen Warnung über Hitzeperioden.

Mittel- bis langfristige Maßnahmen umfassen:

  • die Anpassung des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung bezüglich einer aufsuchenden Prävention durch Ärzte und Pflegedienste,
  • die Etablierung von Hitzepräventionsnetzwerken in Stadtquartieren und ländlichen Regionen unter Einbindung des lokalen Gesundheitsamts, Ärzten und Pflegeexperten, Vertretern der kommunalen Altenarbeit und der Zivilgesellschaft,
  • der Einsatz altersgerechte Unterstützungssysteme („Ambient Assisted Living“), die älteren allein stehenden Menschen über klimawandelbezogenen Gesundheitsrisiken informieren und entsprechend den technischen Möglichkeiten auf Verhaltensweisen hinweisen (z.B. über Tele-Monitoring, e-Health-Lösungen).
  • die Umsetzung einer klimaangepassten Stadt- und Grünflächenplanung (z.B. Sicherung klimawirksamer Freiräume, Vernetzung des innerstädtischen Grünsystems, Schaffung neuer Grünflächen, Dach- und Fassadenbegrünung, Beschattung von Aufenthaltsflächen, Einrichtung klimatisierte Sozialräume).